Der wöchentliche Anruf bei meiner besten Freundin. Sie meldet sich, ich plappere los. Wir lachen, albern rum. Und dann sagt sie: „Ach, es ist schön, Dich mal wieder zu hören, das ist lange her! Ich bin gerade für 3 Tage zu Besuch.“ Am Telefon ist nicht meine Freundin – sondern ihre Mutter.

Was für Tischmanieren gilt, lässt sich auch auf Kommunikation übertragen: Auch wenn wir der heimatlichen Scholle entwachsen sind, unser eigenes Leben haben und als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen werden wollen, bleibt der Einfluss unserer Herkunft in unserem Verhalten erkennbar, z.B. auch in einer Art typischem, gemeinsamen „Familiensprech“. Und der führt dann unter Umständen zu leicht peinlichen Verwechslungen.

Dieser Effekt stellt sich nicht nur in Familien ein. Ich habe einen Kunden, eine große Organisation mit mehreren Tausend Beschäftigten. Seit Jahren arbeite ich dort mit Menschen aus allen Bereichen und Managementebenen. Und alle zeigen ein wirklich merkwürdiges, gemeinsames Kommunikationsmuster: Jede Äußerung wird ironisch unterfüttert. Wirklich jede. Die Folge ist, dass niemand je weiß, welche Aussagen ernst gemeint sind und welche nicht, womit sich Verbindlichkeit und Verantwortung aus der Kommunikation verabschieden.

Wie kommt es zu solch typischen, kollektiven Ausdrucksformen? Wie kann es sein, dass Menschen, die alle unterschiedlich aufgewachsen sind, unterschiedliche Bildungshintergründe haben und ursprünglich aus unterschiedlichen Branchen kommen, eine spezifische Art des kommunikativen Miteinanders etablieren?

Das Buzzword dazu lautet „Kommunikationskultur“.

Kommunikationskultur: Der Mutterboden für Teamkommunikation

Was soll das überhaupt sein: Kommunikationskultur?
Um dem Eindruck entgegenzutreten, hier handele es sich lediglich um eine Worthülsen-Mode, machen wir uns den Spaß und zerlegen das Kompositum.

Zuerst zum Begriff „Kommunikation“: Im weitesten Sinne ist Kommunikation der Austausch von Botschaften zur Übermittlung von Informationen, Vorstellungen, Einstellungen, Gefühlen, Meinungen oder Anweisungen zwischen zwei oder mehr Personen mit dem Ziel, Handlungen zu bewirken, zu verstehen oder abzustimmen. Überall dort, wo menschliche Interaktion stattfindet, wird kommuniziert.
(Dass diese Tatsache oft übersehen wird, führt zu amüsanten Folgen für unseren Sprachgebrauch. Kein Anforderungsprofil kommt heute ohne die Floskel „kommunikative Fähigkeiten“ aus. Wer spitzfindig sein möchte, kann einwenden, dass wir ja gar nicht nicht kommunizieren können. „Kommunikative Fähigkeiten“ ähneln damit der „toten Leiche“ oder der „Haarfrisur“ – doppelt gemoppelt hält besser!)

Zum Begriff „Kultur“: Die lateinischen Wurzeln des Wortes „Kultur“ (von „colere“ = pflegen, urbar machen bzw. „cultura“ und „cultus“ = Landbau, Anbau, Bebauung, Pflege und Veredlung von Ackerboden) deuten an, dass hier wohl um etwas geht, was Menschen gestalten oder erschaffen – was also nicht in einem natürlichen Urzustand ohne menschlichen Einfluss ist. Im Laufe der Zeit hat sich der Begriff über die ruralen Bezüge hinaus ausgeweitet. Bei aller Bedeutungsvielfalt der Kulturbegriffe der unterschiedlichen Disziplinen kann man als kleinsten gemeinsamen Nenner dieser Begriffsdefinitionen festhalten:
Kultur umfasst die Gesamtheit der vom Menschen selbst hervorgebrachten und im Verlauf des Aufwachsens erworbenen Bedingungen sozialen Handelns, d.h. die typischen Arbeits- und Lebensformen, Denk- und Handlungsweisen, Wertvorstellungen und geistigen Güter einer Gemeinschaft.

Und was ist jetzt Kommunikationskultur?
Kommunikationskultur ist die spezifische Art und Weise, wie in einer Gemeinschaft (beispielsweise in einer Familie, einem Verein, aber eben auch in Unternehmen und Organisationen) typischerweise Botschaften ausgetauscht werden. Die Kommunikationskultur in einem Team gestaltet z.B., wie Anweisungen oder Feedback gegeben werden, wie mit Konflikten umgegangen wird, wie Entscheidungen zustande kommen, wie die Teammitglieder untereinander Informationen teilen, welche und wie Medien zur Kommunikation genutzt werden, etc..

Wer entscheidet, wie das alles geschieht?
Einfach ausgedrückt: Alle! Da Menschen soziale Wesen sind und den Gruppenausschluss fürchten, passen sie sich einander in ihrem kommunikativen Verhalten an. Das ist ein fortwährender Prozess, der nie ganz abgeschlossen ist und zu dem jedes Teammitglied beiträgt. Gemeinsam – aber unbewusst – definieren Gruppen ihre Formen der zwischenmenschlichen Kommunikation. Gemeinsam etablieren Gruppen z.B. was gesagt werden darf und was Tabu ist, wie vertraut oder distanziert Kolleg*innen miteinander umgehen oder wie Hierarchie gelebt wird (Nein, das entscheidet nicht nur die Führungsebene alleine.). Beeinflusst wird die Kommunikationskultur einer Gemeinschaft dabei maßgeblich auch durch den Kontext (Strukturen, Aufgaben, Ziele, Voraussetzungen etc.), in dem die Gruppe gemeinschaftlich agiert. Nicht umsonst wird gerade in vielen Organisationen dieser Kontext neuorganisiert – Stichwort New Work – um ein neues und besseres Arbeiten zu ermöglichen.
Kommunikationskultur ist also nicht etwas, was man haben kann oder nicht – sie entsteht automatisch überall dort, wo Menschen in zeitlich verhältnismäßig stabil existierenden Gruppen miteinander interagieren.

Normal ist, was uns nicht auffällt

Leider ist es in vielen Unternehmen und Organisationen nicht besonders gut um die Kommunikationskultur bestellt. Mir klingen die Klagen meiner Trainingsteilnehmenden in den Ohren, die von Misstrauen, Unklarheiten, Grüppchenbildung, Flurfunk, Schuldzuweisungen, Verantwortungsvermeidung und auch deftigen Konflikten berichten. Das sind klassische Folgen einer Kommunikationskultur, die, anstatt Wertschöpfung zu stützen und zu befeuern, den Workflow hemmt. Unter solchen Bedingungen leiden Menschen. Und wenn Menschen auf der Arbeit leiden, führt das immer zu schlechten Ergebnissen.

Was aber kann man tun, um eine positive Kommunikationskultur zu etablieren? Zuerst einmal müssen wir Bewusstsein schaffen, wo wir bis jetzt nur negative Effekte spüren.
Durch die kulturelle Sozialisation in einer Gemeinschaft wird das kommunikative Gruppenhandeln nicht bewusst wahrgenommen: Es ist dann z.B. so alltäglich und „normal“, dass Vorgesetzte und Mitarbeitende niemals zusammen Mittagessen gehen und vom letzten Urlaub erzählen, dass niemand auf die Idee kommt, dass es auch anders gehen könnte. Obwohl niemals irgendjemand das gemeinsame Essen über Hierarchiegrenzen hinaus ausdrücklich verboten hat, wird dieses ungeschriebene Gesetz nicht in Frage gestellt. Die Folgen des Verhaltens belasten aber trotzdem das Team. Wir alle sind gewissermaßen blind für alles Eigenkulturelle. Im Gegensatz dazu nehmen wir sehr bewusst wahr, wenn andere sich anders verhalten, als es unseren (kommunikations-)kulturellen Normen entspricht – das kollidiert dann nämlich mit unseren unbewussten Normalitätserwartungen.

Wie fangen wir an? Tipps für den Start in eine wertschöpfende Kommunikationskultur im Team

Teams, die bemerken, dass sich ihre Kommunikationskultur negativ auf ihre Zusammenarbeit auswirkt, können sich beim Versuch, das zu ändern, z.B. an folgenden Prozessschritten orientieren:

1. Reflexion: Wie kommunizieren wir genau? Warum tun wir es so und nicht anders? Welche Folgen hat unser kommunikatives Verhalten?
2. Bewertung: Wollen wir diese Kommunikationskultur? Was daran tut uns gut, was schadet uns? Was wollen wir beibehalten oder sogar stärken, was ändern?
3. Bewusste „Kultivierung“: Was sind unsere konkreten Ziele im Bezug auf unsere Kommunikationskultur? Was hilft uns, diese zu erreichen? Welche Rahmenbedingungen sind da, welche Interventionen erscheinen uns angemessen, erfolgversprechend, sind attraktiv für das Team? Wer kann uns helfen?
4. Üben, Überprüfen, Anpassen, Üben: Regelmäßige Wiederholungen von Reflexionen, Gesprächen, Trainings etc. führen zu Verhaltensänderungen und damit zu einer Veränderung der Kommunikationskultur. Systematisierte Iterationsschleifen helfen, die Arbeit präzise und zielgenau zu gestalten.

Und noch ein Umsetzungstipp:

Investiere in Metakommunikation: Wenn wir miteinander darüber reden, wie wir miteinander reden, erscheint und das manchmal wie Zeitverschwendung. Aber wenn wir uns daran erinnern, dass wir in unserem Alltag eben nicht bemerken, wie genau wir unsere Botschaften vermitteln, dann erschließt sich, dass Metakommunikation die Bedingung für jede Verbesserung der Kommunikationskultur ist: Zuerst muss ich wahrnehmen können, wie ich kommuniziere, bevor ich etwas daran ändern kann. Diese Wahrnehmung wird in Teams am besten gemeinsam geübt, und das regelmäßig. Einmal die Woche 10 Minuten moderierter Austausch sind ein guter Anfang. Als Formate bieten sich z.B. Post-it-Methoden, Fish Bowls oder auch ein Kugellager an. Bei letzterem sitzen alle Teammitglieder in zwei einander zugewandten Kreisen, einem inneren und einem äußeren, wobei jede Person ein Gegenüber im anderen Kreis hat. Dann tauschen sich die Paare zu einem zuvor festgelegten, kommunikativen Thema aus. Das kann z.B. die Frage sein, wie man bis jetzt klassische Mitarbeitende-Vorgesetzten-Gespräche wahrgenommen hat, welche ungeschrieben Regeln es beim Austausch von Feedback im Team gibt oder ähnliches. Optimalerweise kommen die Themen aus dem Team und sind tagesaktuell. Nach einer gewissen Gesprächszeit gibt es ein Signal, dann rückt der äußere Kreis einen Platz weiter. Alle haben nun neue Geprächspartner*innen und beginnen erneut mit dem Austausch.

Es ist erstaunlich, welche Dynamik der Erkenntnis sich da oft entwickelt.
Und Erkenntnis ist der erste Schritt zu einer Teamkommunikation, die sich zu voller Blüte entfalten kann.